Der Hirschgrund liegt unmittelbar am Steinbach. © Dr. Michael Schlitt

Lage des Hirschgrunds in Ostritz.
Der Wald im Hirschgrund ist ein besonderer Ort. Direkt am Steinbach gelegen, prägt er das Landschaftsbild, beeinflusst das lokale Klima und ist für Menschen in Ostritz ein vertrauter Teil ihrer Umgebung. Alte Bäume, kühles Waldklima und naturnahe Strukturen machen ihn zu einem wertvollen Lebensraum – für Tiere, Pflanzen, Pilze und auch für Menschen.
Die Oberlausitz-Stiftung (Görlitz) ist Eigentümerin eines fast zwei Hektar großen Waldgebietes im Hirschgrund in der Gemarkung Ostritz, das Au- und Schluchtwälder an einem naturnahen Bach mit angrenzenden seggen- und binsenreichen Nasswiesen sowie Streuobstwiesen umfasst.
Angeregt durch die Initiative Oberlausitzer Zukunftswald verfolgt die Stiftung das Ziel, diesen Wald langfristig als Naturwald im Hirschgrund zu sichern. Das bedeutet: Dieser Wald wird künftig vollständig aus der wirtschaftlichen Nutzung genommen und wird sich weitgehend ohne menschliche Eingriffe natürlich entwickeln.
Der Naturwald im Hirschgrund wird ein Ort des Naturschutzes, der Forschung und der Umweltbildung. Gleichzeitig bleibt er ein Wald vor der Haustür – ein Raum für Naturerleben und Erholung.
Ziel der Entwicklung des Waldes im Hirschgrund ist es, einen Beitrag zum Schutz und zur Förderung der Biodiversität zu leisten. Hier werden Erkenntnisse über die natürlich ablaufenden Prozesse der Walddynamik gewonnen – eine wichtige Grundlage für eine naturnahe Waldbewirtschaftung und für den Naturschutz im Wald. Darüber hinaus wird der Wald als Referenz für die Entwicklung naturnaher Wälder ohne tiefgreifende Einflüsse durch forstliche Maßnahmen und im Kontext des Klimawandels dienen.
Mit der Umweltbildung im Naturwald wird ein Prozess unterstützt, der es Menschen ermöglicht, Probleme des Waldschutzes zu untersuchen, sich mit Problemlösungen zu befassen und Maßnahmen zur Verbesserung des Zustandes des Waldes zu ergreifen. Dadurch entwickeln Menschen ein tieferes Verständnis für die Herausforderungen des Schutzes der Wälder und verfügen über die Fähigkeiten, fundierte und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.
Mit der Ausweisung des Waldes im Hirschgrund als Naturwald wird das Ziel der Bundesregierung unterstützt, bundesweit fünf Prozent der Waldfläche einer natürlichen Entwicklung zu überlassen.

Diese Fläche in Ostritz wurde konventionell mit Erlen und Ulmen aufgeforstet und mit einem Wildverbissschutz aus Holz versehen. © Dr. Michael Schlitt

Auf dieser Fläche in Ostritz mussten aufgrund von starkem Borkenkäferbefall Fichten gefällt werden. Diese Fläche bleibt sich selbst überlassen. © Dr. Michael Schlitt
Weitere Informationen zum Naturwald im Hirschgrund sind zu finden unter diesem Link
Erste Schritte zur Entwicklung des Naturwaldes im Hirschgrund wurden bereits im Rahmen der Initiative Oberlausitzer Zukunftswald umgesetzt.
Unter anderem wurden seit Herbst 2024 Flächen für ein Wald-Reallabor eingerichtet. Dabei handelt es sich um stark geschädigte Fichtenflächen, die in den kommenden Jahren systematisch untersucht werden.
Wald-Reallabor für den Wald der Zukunft
Extreme Trockenheit, Borkenkäfer und Sturmschäden setzen auch den deutschen Wäldern seit Jahren massiv zu. Besonders Fichtenbestände leiden unter den Folgen des Klimawandels. Deshalb zählt die Frage, wie ein widerstandsfähiger und gesunder Wald künftig aussehen kann, zu den zentralen Herausforderungen der Forstwirtschaft.
Die Versuchsflächen werden unterschiedlich behandelt: Eine Fläche wurde bereits konventionell wiederaufgeforstet, eine zweite Fläche in unmittelbarer Nachbarschaft bleibt sich selbst und somit der aufkommenden Naturverjüngung überlassen. Eine dritte Fläche soll mit Baumarten bepflanzt werden, die nach derzeitigem Wissensstand besonders widerstandsfähig gegenüber veränderten klimatischen Bedingungen sein sollen.
Hintergrundwissen Naturverjüngung
Eine der Flächen des Wald-Reallabors im Hirschgrund bei Ostritz bleibt sich selbst überlassen. Dabei entstehen junge Bäume aus den Samen der vorhandenen Altbäume oder durch Stockausschläge, also neue Triebe aus Baumstümpfen oder Wurzeln. Die Samen fallen zu Boden, keimen unter geeigneten Bedingungen und wachsen im Schutz der Krautschicht heran. Auf diese Weise entwickelt sich nach und nach eine neue Waldgeneration. Ein wesentlicher Vorteil der Naturverjüngung liegt darin, dass die jungen Bäume genetisch gut an die jeweiligen Standortbedingungen angepasst sind und sich aus dem vorhandenen Samenpotential des Altbestandes entwickeln – als sogenannter natürlicher Nachwuchsbestand ohne Aussaat oder Pflanzung durch den Menschen.
Darüber hinaus spielt auch die Epigenetik bei Pflanzen eine wichtige Rolle für die Reaktion auf Umweltstress: Umwelteinflüsse wie Trockenheit, Temperatur oder Nährstoffmangel können bei Bäumen epigenetische Veränderungen hervorrufen, die die Genaktivität beeinflussen, ohne die DNA-Sequenz zu verändern. Solche epigenetischen Markierungen wie DNA-Methylierung oder Histonmodifikationen sind ein Mechanismus, über den Pflanzen ihre Genexpression flexibel an Umweltbedingungen anpassen können. Schließlich können epigenetische Veränderungen sogar an nachfolgende Generationen weitergegeben werden, wodurch junge Bäume eine Art „Gedächtnis“ früherer Stressereignisse mitbringen und dadurch besser auf ähnliche Umweltbedingungen reagieren könnten.
Neben den genannten Vorteilen hat die Naturverjüngung auch Nachteile und Risiken:
- Geringe Steuerbarkeit der Baumartenmischung (abhängig vom vorhandenen Altbestand, Dominanz konkurrenzstarker Arten (z. B. Buche), seltene oder klimatisch angepasste Arten kommen oft zu kurz, keine gezielte Einführung neuer, klimaresilienter Arten möglich, Gefahr einseitiger Bestände)
- stark verbißgefährdet, zudem verändert selektiver Verbiss die Artenzusammensetzung
- langsamerer Verjüngungsprozess (abhängig von Mastjahren, Lücken können lange unbestockt bleiben, ungleichmäßige Altersstruktur)
- Konkurrenz durch Bodenvegetation: Brombeere, Gras, Labkraut, Brennessel etc. können Naturverjüngung unterdrücken, besonders auf nährstoffreichen oder trockenen Standorten
- begrenzte genetische Vielfalt: wenn Altbestand genetisch eng oder standortgeschädigt ist; keine gezielte Auswahl geprüfter Herkünfte
- wirtschaftliche Unsicherheit: keine exakte Stückzahl- oder Qualitätsplanung.
Fazit: Naturverjüngung ist kostengünstig, meist ökologisch wertvoll, oft standortangepasst. Aber sie ist schwer steuerbar und stark vom Ausmaß der Wildschäden abhängig. In der Praxis wird daher häufig eine Kombination aus Naturverjüngung und ergänzender Pflanzung gewählt.
Weiterführende Literatur
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL):
Zhang, H.; Lang, Z.; Zhu, J.-K. (2018): Dynamics and function of DNA methylation in plants. In: Nature Reviews Molecular Cell Biology, 19, 489–506.
(Grundlagen zu DNA-Methylierung und epigenetischer Regulation in Pflanzen)
Mirouze, M.; Paszkowski, J. (2011): Epigenetic contribution to stress adaptation in plants. In: Current Opinion in Plant Biology, 14(3), 267–274.
(Zusammenhang zwischen Umweltstress und epigenetischen Veränderungen)
Quadrana, L.; Colot, V. (2016): Plant transgenerational epigenetics. In: Annual Review of Genetics, 50, 467–491.
(Transgenerationale epigenetische Vererbung bei Pflanzen)






